Heritage Dossier
Projekt 99 — Testtour Italy
Die Generalprobe für alles, was danach kam: schwer gepackte Aarios-Bikes, viel Regen, Cinque Terre als Ziel — und der Moment, in dem aus einer Idee ein echtes Langzeitprojekt wurde.
Die Tour durch Norditalien 1999
Alles, was man braucht, ist verstaut in ein paar Taschen.
Dazu braucht’s eine Portion Glück und Rückenwind …
Von Karin Eder & Thomas Fischer
Vorbereitung und Start
Im Juni 1999 fand die Generalprobe statt. Mit unseren schwer bepackten Aarios-Rädern verliessen wir — am Anfang noch etwas wackelig — unseren Wohnort Buochs in Richtung Süden. Das Ziel war die Cinque Terre in Italien.
Schon Monate zuvor hatten wir alle Hände voll zu tun mit dem Besorgen des richtigen Materials. Welche sind die richtigen Fahrräder für uns, die besten Packtaschen, welches ist das richtige Zelt, welches die idealen Küchenutensilien? Das Gewicht muss stimmen, und doch muss es den verschiedenen Belastungen standhalten. Wir begannen, uns über alles genaustens zu informieren und zu vergleichen; besuchten Fahrradausstellungen und Outdoor-Messen. Dia-Vorträge von Radreisenden und viele gute Gespräche über Erfahrungen, Hinweise und Tipps wurden zu unserer Freizeitbeschäftigung. Wir liessen uns dafür viel Zeit und besorgten uns Stück für Stück — jedoch nur, wenn wir wirklich davon überzeugt waren. Vertrauen ins Material, so sollten wir später erfahren, ist neben dem Vertrauen in den Reisepartner das Wichtigste.
Regen im Tessin und unterwegs
Gut ausgerüstet konnte es also losgehen. Die Sonne lachte uns entgegen und wir scherzten, ob wir wohl die Regenbekleidung besser wieder auspacken und zu Hause lassen sollten. Zum Glück scherzten wir nur. Bereits am ersten Abend im Tessin wurden wir von einzelnen Tropfen überrascht. Müde von den ersten Erlebnissen krochen wir in unsere brandneuen Schlafsäcke. Das Geräusch, durch das wir mitten in der Nacht aufgeweckt wurden, ähnelte einem tosenden Wasserfall: Es goss die ganze Nacht wie aus Kübeln. Dazu windete es orkanartig und das Donnergrollen liess uns nicht mehr einschlafen. Aber: Das Zelt hielt dicht! Gut gewählt! Als es wieder Tag wurde, erschien der Zeltplatzwart vor dem Zelteingang und informierte uns, wir sollten doch bitte das Zelt ziehen, weil der See überschwemmt sei und das Wasser schon einige der Plätze erreicht habe. Schleunigst packten wir unsere Sachen zusammen und flüchteten uns weiter in Richtung Süden. Der Regen war von nun an unser ständiger Begleiter. Den Ortasee konnten wir nur durch die Regenschwaden erahnen, das Piemont hatte zuhause im GEO-Magazin auch ziemlich anders ausgesehen und die etwa 100 km langen Reisfelder in Oberitalien gurgelten vor sich hin. Wir pedalten und hofften jeden Tag auf eine Wetterbesserung. Zwar waren nur unsere Hüllen nass — alles darunter sowie alles, was in den Packtaschen war, blieb trocken. Die Investition in 100 % wasserdichtes Material hatte sich gelohnt. Aber der Regen schlug aufs Gemüt und auf die Stimmung. Hatten wir uns doch Italien im Juni anders vorgestellt. Doch dann, als wir wieder einmal einen Hügel erklommen hatten, sahen wir das Meer und … die Sonne. Die italienische Riviera war in Sicht.
Levanto und Cinque Terre
Das Erste, was wir uns dort gönnten, war eine möglichst farbige Gelati. Ferienstimmung kam auf! Mit einem Grinsen auf den Lippen zogen wir weiter in Richtung Cinque Terre. In Levanto, dem nördlichen Tor zur Cinque Terre, suchten wir uns einen schönen Campingplatz und richteten uns gemütlich ein. Wir blieben einige Tage dort, tankten die Wärme und genossen die stets trockenen Schuhe. Jeden Abend assen wir weltbeste Pasta, tranken guten Wein — die südliche Stimmung zog in uns ein. Die malerischen Dörfer der Cinque Terre sind nur mit Zug oder zu Fuss erkundbar. Bei Sonnenschein und 29° Wärme konnten wir uns dann doch wieder an gewisse Bilder aus dem GEO-Magazin erinnern. Nachdem wir sämtliche Gelaterias getestet und all die romantischen Dörfer der Cinque Terre erwandert hatten, rüsteten wir uns für die Rückfahrt nach Norden. Und an jenem Morgen fielen auch schon wieder die ersten Regentropfen. Wir konnten es kaum glauben!
Rückweg — und Zug nach Luzern
Wir kämpften uns via Parma und unendliche verregnete Kilometer zum Gardasee. Nach ein paar doch recht sonnigen Tagen ging es weiter via Südtirol, über den Reschenpass, die Schweizer Grenze, ins Engadin. In Scuol GR war wieder einmal alles grau in grau, bzw. nass in nass. Eigentlich dachten wir, via Flüelapass, Davos, Disentis und Oberalppass nach Hause zu kehren. Aber was genug war, war genug! Wir fassten einen Entschluss und die SBB brachte uns und unsere Fahrräder trocken und sicher nach Luzern zurück.
Bilanz — und was daraus wurde
Bilanz unserer Sommerferien 1999: 1'200 Fahrradkilometer, zwei Wochen Regen, eine Woche Sonne, ein platter Reifen als einziges Problemchen mit unseren Velos und zwei glückliche, zufriedene Teilnehmer. Diese Art zu reisen hat uns so gut gefallen, dass wir bereits während des Trocknens und Reinigens aller nassen Kleider und Materialien damit begannen, neue Pläne zu schmieden. Der Kontakt mit den einheimischen Menschen, das langsame Vorwärtskommen, das Geniessen der Natur, das Wahrnehmen der Düfte … wir mussten mehr davon kennenlernen! Und so kam es, dass wir am 30. April 2000 die Schweiz für ein Jahr oder länger verlassen werden. Unsere Zelte hier werden wir abbrechen und mit unserem eigenen Zelt sowie den treuen Fahrrädern unterwegs sein. Unser Wunsch ist es, andere Welten und uns selber zu erfahren. Dazu nehmen wir uns Zeit. Die Westküste der USA ist das erste Ziel. Dem Pazifik entlang werden wir von Los Angeles nach Vancouver radeln. Danach werden wir für ein paar Monate im Land der Kängurus unterwegs sein. Die darauffolgenden Ziele sind Thailand, Vietnam und Malaysia. Wir freuen uns darauf! Drückt uns die Daumen, dass es weniger regnet!
Archivbilder 1999
Archivfotos aus dem Jahr 1999; typische Kantenlänge ~800px (Web-Export der Zeit).